Robin Heerich

Komm nach hier oben, hier ist’s sicher

Texte

Ich habe immer versucht, in einem Elfenbeinturm zu leben; aber ein Meer aus Scheiße schlägt an seine Mauern […]
Gustave Flaubert

Das Meer aus Scheiße trägt viele Namen. Die meisten davon nicht so profan und manche fast zauberhaft – wie Bilbos fort und fort gleitende Straße aus Herr der Ringe: Die Gefährten. Am treffendsten finde ich Ellis Greys Karussell, das sich nie aufhört zu drehen, aus Greys Anatomy (Staffel 2 Folge 4 – „Selbstverleugnung“, passenderweise). Und man könnte meinen, Goethe hätte diesem Meer sein Lebenswerk gewidmet, wie hier in Faust: Der Tragödie erster Teil:

Und hoffnungsvoll zum Ewigen erweitert, […]
Wenn Glück auf Glück im Zeitenstrudel scheitert.
Die Sorge nistet gleich im tiefen Herzen,
Dort wirket sie geheime Schmerzen,
Unruhig wiegt sie sich und störet Lust und Ruh;
Sie deckt sich stets mit neuen Masken zu

Wo das Meer, die Straße, das Karussell und die sich stets mit neuen Masken zudeckende Sorge medial gut beschrieben sind, fehlt es mir an guten Beispielen für den Elfenbeinturm, die über ebenjenen selbst hinausgehen. Wie begegnen wir den ständig neuen Herausforderungen im Leben? Nicht jeder zieht sich irgendwohin zurück. Und nicht immer ist der Rückzug sichtbar: Arbeit, Hobbys, mehr oder weniger gesellschaftlich akzeptierte Konsummittel – vieles davon kann so aussehen, als ob ein Mensch mitten im Leben steht, auch wenn der Rückzug in den ganz persönlichen Elfenbeinturm längst geschehen ist.

Vertrau mir, es ist sicher hier oben – flüstert er.

Mein persönlicher Elfenbeinturm ist tückisch, geradezu verschlagen. In den Nebeln, die ihn umgeben, schwer als ein solcher zu erkennen, selbst für mich selbst. Gerade für mich selbst. Gleichsam ist er verlockend. Es ist mein eigener Kopf, mein Verstand, Geist, Ego oder wie auch sonst man die mehr oder weniger losen Fäden nennen mag, die zwischen meinen Ohren wohnen.

Eine schon lange nicht mehr existierende Version von mir hat einmal gesagt: „Nein, ich bin nicht hochnäsig, ich bin tiefgründig und mysteriös, aufgrund meiner tragischen Lebensgeschichte!“ – was ein hochnäsiger Trottel. Aber vielleicht stimmte der Rest auch. Tiefgründig und mysteriös war eine Maske, mit der sich die geheime Schmerzen wirkende Sorge meiner tragischen Lebensgeschichte zugedeckt hat. Und ich nahm die Maske, willentlich, und trug sie. Habe mich hinter ihr versteckt. Andere haben sie gesehen, und „hochnäsig“ gesagt – oder „Träumer“.

Das war das Erdgeschoss des Elfenbeinturms. Die Garderobe sozusagen.

Darüber liegt der Ballsaal. Durch seine großen scheibenlosen Fensteröffnungen schwappt noch einiges der aufbrausenden Wellen des Meeres hinein. Ein immerwährender Maskenball findet dort statt. Aber kein Problem, ich hab ja schon eine Maske.

Spaß hat hier aber keiner. Der einzige Weg führt also nach oben. Das muss es sein. Denn:

Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.
Goethe, Faust 2

Aber auch:

Es irrt der Mensch, so lang er strebt.
Goethe, Faust 1

In diesem Spannungsfeld lebt – meiner Meinung nach – das meiste, was man in der „Selbsthilfe“-Abteilung des Buchhandels findet. Wer sich den Weg ersparen will, kann sich auch gleich auf TikTok oder Instagram nach einem Guru umschauen. „Du brauchst Einsicht“ klingt toll und produziert viele Likes und Shares. Ohne einen Weg oder zumindest einen Anhaltspunkt, wie man zu dieser Einsicht gelangt, könnten sie genauso gut „Du brauchst Toastbrot“ sagen. Das kann man wenigstens essen.

Und so wandert man, strebend, sich bemühend, irrend, nach Einsicht suchend umher. Manch einer findet die nächste Ebene, und hier wirds jetzt richtig gefährlich: Das Studierzimmer.

Das sieht nach richtigem Fortschritt aus. Keine Fenster mehr, durch die das Meer reinschwappen könnte, oder durch die man es auch nur betrachten müsste. Regale über Regale mit den besten Büchern, gefüllt mit den besten (toten) Worten, geschrieben von den größten Meer-aus-Scheiße-Experten. Zumindest auf dem ersten Blick – manche Gurus sind eloquent genug, die Maske eines Experten glaubhaft zu tragen.

Hier soll ich finden was mir fehlt?
Soll ich vielleicht in tausend Büchern lesen[…]?
Goethe, Faust 1

Mit etwas Glück gibts einen Schreibtisch, eine Feder und ein paar unbeschriebene Blätter Papier, mit denen man versuchen kann, mit den eigenen Worten ein System aus dem eigenen Leben zu bereiten. So muss man sich nicht ganz auf die tausend Bücher verlassen. In denen stehen zwar gute Worte, die sind zugleich aber auch die oben genannte Gefahr.

Angststörung, Alexithymie, Overthinking, Parentifizierung, Depression, Anxiety, Narzissmus, Trigger, Achtsamkeit, Borderline, ADHS – alles mehr oder weniger gute Worte, je nachdem, wen sie beschreiben. Wir haben so ein ausuferndes Vokabular für unsere mentale Gesundheit, dass wir in der Lage sind, unsere Gefühle so eloquent zu beschreiben, dass man denken könnte, wir wären wahnsinnig Self-Aware, während wir keins unserer Gefühle wirklich fühlen, wirklich benennen können.

Dieser Schritt ist der wichtigste und der gefährlichste zugleich. Der wichtigste, weil die eigene innere Welt und Vergangenheit intellektuell aufzuarbeiten unfassbares Potenzial für (intellektuelle) Einsicht hat. Der gefährlichste, weil sich dieser Prozess nach einem Ende, einem Abschluss anfühlen kann. Und dann bleibt man im Studierzimmer. „Versteht“ das Meer, und die Wellen, und die Gezeiten, und die Scheiße. Fühlt aber trotzdem nichts. Man lebt im fensterlosen Studierzimmer, von der wahren Welt entkoppelt, und ist – gefühlsmäßig – Goethes „armer Tor“:

Da steh’ ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;
Goethe, Faust 1

Denn was ist die Scheiße eigentlich? Ich sage: Gefühle. Gute wie schlechte. Kleine wie große. Die eigenen wie die von anderen. Steht man an der felsigen Küste der Insel, auf der der Elfenbeinturm steht, sieht man das vielleicht nicht. Die Wellen schlagen eine nach der anderen über einem zusammen, und man stumpft ab. So ging es mir zumindest.

Und was machen wir jetzt? Aufhören? Nein. Ich könnte jetzt sagen: „Du musst Zugang zu deinen Gefühlen finden“ und wäre direkt genauso nutzlos wie die Gurus, über die ich oben noch gelästert habe. Ein Patentrezept hab ich auch nicht, ich kann nur sagen, was bei mir funktioniert hat. Wer den tausend Büchern von echten Experten mehr vertraut, wird am Ende dieses Artikels fündig.

Die einzige Chance, die ich sehe, nicht in der intellektuellen Pseudo-Erkenntnis hängen zu bleiben, ist, das zu tun, gegen das Faust sich gesträubt hat: die tausend Bücher lesen. Und damit meine ich nicht die Selbsthilfeabteilung im Buchhandel oder die endlosen Guru-Feeds auf TikTok oder Instagram. Auch nicht die psychologische Fachliteratur – die hat das Potenzial, einem mehr tote Worte an die Hand zu geben, hinter denen man sich verstecken kann. Ich meine die eigenen Bücher, die eigene Geschichte. Für mich waren es viele Fragmente, die ich zu einem großen Ganzen zusammensetzen konnte, fast schon musste. Seiten über Seiten, die ich aufgeschrieben habe, Zeitlinien, die ich zusammengestückelt habe. Lücken, die ich über Gespräche mit Familienmitgliedern schließen konnte. Bilder aus alten Fotoalben, die mehr sagen als tausend Worte.

Als ich das letzte Buch in den Regalen des Studierzimmers ergriff, machte es klick. Eine Strickleiter fiel aus der Decke. Da war eine Dachluke, die ich bisher nicht gesehen hatte. Ich kletterte hinauf.

Im Innern hier ein paradiesisch Land,
Da rase draußen Flut bis auf zum Rand, […]
Ja! diesem Sinne bin ich ganz ergeben,
Das ist der Weisheit letzter Schluss:
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muss.
Goethe, Faust 2

Ohne hier zu tief in die Interpretation eines der komplexesten Werke der deutschen Dichtkunst einzusteigen – auf den Elfenbeinturm übertragen, beschreibt Goethe hier die Aussichtsplattform, oben auf dem Turm, sowie den Moment der wirklichen, echten Einsicht.

Das Meer aus Scheiße sieht von hier oben gar nicht mehr so turbulent aus. Es gibt kleine Inseln. Hier und da Buhnen, Wellenbrecher, Deiche. Einzelne Wellen sind noch auszumachen, aber das große Zusammenspiel aus Wind, Wetter, Gezeiten wird klar. Ich hab hier oben gemerkt, wie wenig ich bisher gefühlt habe in meinem Leben. Alles war gedämpft. Viele Menschen aus meiner Vergangenheit, zu denen ich seit Jahren keinen Kontakt mehr habe, erschienen mir plötzlich wie leere Hüllen. Nicht weil sie es waren oder sind. Sondern weil ich es war. Weil ein Geist, eine Maske mit diesen Menschen interagiert hat, und der eigentliche Mensch dahinter meist nichts gefühlt hatte.

So traurig das ist (hey, ich kann das jetzt fühlen), so notwendig war das damals. Im Studierzimmer hab ich Sachen gefunden, unter denen wäre diese alte Version von mir begraben worden. Es gab Momente in der Vergangenheit, wo das Meer allein das schon fast geschafft hätte; Momente, die knapp waren. Dass diese aktuelle Version von mir noch auf dieser Welt wandelt, habe ich auch den Masken und der Abstumpfung zu verdanken. Auch wenn das eigentlich noch trauriger ist, bin ich dennoch dankbar für die Stimme, die mir damals sagte: „Komm nach hier oben, hier ist’s sicher“ – es war eine Hilfe, von oben.

Dann bleibt am Ende nur noch eins: wieder runterklettern. Das Studierzimmer und alle seine Erkenntnisse sind noch da. Der Maskenball läuft noch. Von Zeit zu Zeit werd ich auf ihm tanzen, aber wissentlich und willentlich. Die Garderobe ist aufgeräumter. Ein paar buntere Gewänder hängen jetzt drin. Und durch die schwere Eingangstür bleibt nichts anderes übrig, als rauszugehen. Ins Leben zurück. Sich mit beiden Beinen in die Brandung stellen.

Manch eine Welle mag einen noch straucheln lassen. Aber meistens fühlt sich die Brandung jetzt großartig an.

Im Vorgefühl von solchem hohen Glück
Genieß’ ich jetzt den höchsten Augenblick.
Goethe, Faust 2



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